Kurzgeschichten und Betrachtungen

 

Der Mann, der die Wahrheit sagte.

 Ein Märchen für Erwachsene von Kurt Blaser

Es war einmal ein Mann, der sich vornahm, an einem Tag nichts als die Wahrheit und nur die Wahrheit zu sagen. Er begann schon am Morgen damit, indem er seiner Frau sagte, wie sie schon seit Jahren immer um diese Zeit ein muffiges Gesicht mache und schlampig herumlaufe. Die Gattin war empört und entliess ihn ohne den üblichen Abschiedsgruss zur Arbeit.

   Im Büro hatte er sich schon jahrelang über seinen Kollegen geärgert, weil dieser immer einige Minuten zu spät kam, und dann als erstes eine stinkigen Zigarre anzuzünden pflegte. Unser Mann hatte dem Frieden zuliebe nie etwas gesagt. Da er aber den Tag der Wahrheit hatte, machte er den Kollegen höflich auf diese Unsitte aufmerksam. Der bekam ein krebsrotes Gesicht und schrie den Mann an, dass es seine Angelegenheit sei und ihn überhaupt nichts angehe. "Sie Frechdachs, Sie!" rief er ihm wütend zu.

   "Ich sage doch nur aufrichtig, wie ich es fühle", verteidigte sich der Mann kleinlaut. Seine Wahrheitsliebe hatte schon einen einen empfindlichen Stoß erhalten. Trotzdem wollte er damit weitermachen.

   In der Kantine freute sich der Mann schon immer über die freundliche Bedienung der jungen Serviertocher, hatte aber nie etwas gesagt. Der Wahrheit zuliebe holte er das nach. Die junge Frau schaute ihn verdutzt an, schüttelte den Kopf und lief davon. Der Mann hörte noch, wei sie zu einer Kollegin sagte, der da sei wohl nicht mehr ganz richtig im Kopf und wolle sie wohl anmachen. Die Tischnachbarn grinsten hämisch, und der Vorsatz, immer die Wahrheit zu sagen, wankte bei unserem Freund schon ordentlich. Da er aber ein Mann war, der seine Vorsätze bis zum Schluss durchzuführen pflegte, wollte er weitermachen.

   Am Abend, auf dem Heimweg, traf unser Wahrheitsfanatiker mit einem Bekannten zusammen , welcher in der Politik etwas extreme Ansichten vertrat und dem der Mann sonst immer zugehört hatte, obschon  er dessen Linie nicht unbedingt teilte. Jetzt aber sagte unser Mann frei und frank seine Meinung. Der Bekannte schaute ihn erstaunt an und machte ein beleidigtes Gesicht, murmelte etwas wie nichts verstehen von Politik un ging weg. "Ist es schwer immer zu sagen, was man denkt, das hätte ich nicht gedacht", seufzte der Mann.

Zu Hause angekommen, machte seine Frau noch immer ein mürrisches Gesicht und nörgelte - wegen der Bemerkung am Morgen - an ihm herum. Und als er am Abend noch eine Fernseh-Sendung kritisierte, die er sonst nur seiner Frau zuliebe angeschaut hatte, und dann seine Frau das Zimmer wutentbrannt verließ, hatte der Mann doch langsam genug von seiner Wahrheitsliebe. Wenn er den Tag überdachte, so hatte er wegen seiner Ehrlichkeit nur Schwierigkeiten gehabt. Enttäuscht legte er sich ins Bett und philosophierte über die merkwürdigen Erdenbürger.

   Und die Moral von der Geschichte: Der Mensch verträgt die Wahrheit nicht. 

                                                                                                            

Satirische Betrachtung

Oh, diese verflitzten R ...

Reissverschlüsse sind etwas sehr praktisches, wenn man sie zu bedienen weis. Da ich aber sowieso zwei linke Hände habe, tue ich mich mit den Dingern schwer. Da meine Augen auch nicht gerade die Besten sind, geht es schon los beim Jacken anziehen mit dem Einfädeln: Da finde ich am Schloss den Eingang nicht, entweder bin ich daneben oder zu oben oder unten. Ich werde natürlich sofort nervös unf dann geht es erst nicht.

   "Mach doch um Gotteswillen Licht, dann siehst du es in dem dunklen Korridor auch besser", fährt mich meine Frau an. "Du immer mit deinen Reissverschlüssen", fügt sie noch bei. "Zeig ...! Natürlich geht das nicht, wenn du den einen Teil des Verschlusses weit oben hast". Sie zieht mir diesen mit einem schnellen Ruck nach unten. "So jetzt geht es und mach endlich, wir müssen gehen," 

   Ich wage natürlich nicht zu sagen, sie solle ihn mir gleich Einfädeln. So gehe ich ins Wohnzimmer in eine helle Ecke und probiere es. Aber natürlich finde ich die richtige Stelle wieder nicht. Umständlich klaube ich die Brille hervor und dann finde ich sie, aber wahrscheinlich ist der obere Teil des Verschlusses schon wieder hochgeruscht, so dass der Reissverschluss nicht einfädelt. Ich versuche es noch mehrere Male, aber ohne Erfolg. Innerlich verfluche ich dieses Ding und seinen Erfinder. Meine ungeduldig wartende Gattin kommt und hilft mir aus der Patsche. Sie kann natürlich die Bemerkung: "Du mit deinen Reissverschlüssen", und das in recht barschem Ton, nicht verkneifen. Was auch mich wieder auf die Palme treibt und in ebensolchem gereiztem Ton zurückgebe: "Gibt es eigentlich keine Jacken mehr mit Knöpfen. Immer die komplizierten Dinger?" 

   "Du mit deinen linken Händen hättest auch damit Mühe", kontert meine allerliebste Gattin und lächelt mich unschuldig an.

   Päng, da hast du wieder einen ... Ich ziehe schnell meine Stiefel an und da ist schon wieder ein solches, schreckliches Ding. Aber da der Verschluss unten am Schuh festgemacht ist, ist das keine Problem. Warum nicht bei einer Jacke? Geht es mir wie ein Blitz durch den Kopf. Geht ja gar nicht, sagt eine anderer Blitz, wie willst du sie dann an- und ausziehen? Ernüchtert und frustiert ziehe ich mein geliebtes Anhängselfrauchen zur Tür hinaus in den Lift.

   Im Surermarkt angekommen, muss ich blitzschnell auf ein Örtchen. Dort angekommen will ich schnell die Hosen aufmachen, um mich erleichtern zu können. Aber was klemmt da? Der geneigte Leser ahnt es schon: Natürlich der Reissverschluss. Ich ziehe wütend daran und im unteren Teil des Körpers drückt das Wsser immer mehr. Ich werde nervöser und nervöser und reisse und reisse und ratsch hat sich das Ding auf der Seite gelöst. Ich kann nun die Hose herunterziehen und mein Geschäft erledigen, aber den Verschluss nicht mehr schliessen. Zum Glück hat es oben einen Knopf, den ich notdürftig schliessen kann. Aber der Hosenschlitz bleibt trotzdem offen. Meine süsse Gattin erwartet mich mit einem Lächeln: "Was ist los, warum hast deine Hände vor an den Hosen?" Ihr Lächeln wird zu einem lauten, grinsenden Lachen, als sie die Bescherung sieht. Natürlich kommt kommt die Bemerkung "Du mit seinen Reissverschlüssen", dem ein Kopfschütteln folgt. "Du musst halt die Jacke anziehen, dann sieht man dir nicht in die Hosen hinein. selber schuld ..."

   "Jacke" denke ich mit grausen,  "dort hat es ja auch wieder einen, was wohl? Natürlich einen Reissverschluss"

   Trösten tut mich am Ganzen, dass auch schon der Erfinder dieses Dinges, der amerikanische Ingenieur Leonard Judson, sagte: " Er hat seine Tücken, der Haken und die Öse verklemmt sich hoffnungslos oder droht im ungünstigsten Moment aufzuspringen" Ja, wenn der das sagt, warum soll ich mich dann über mein Reissverschluss-Syndrom aufregen ...                                                          

                                                                                                                                 

Kurt Blaser

Stumme Begegnung ... 

Kurzgeschichte.

Für einen Augenblick traf sich ihr Blick, dann schaute die Frau wieder zurück auf ihr Glas, bis ihre Blicke sich wieder suchten und fanden. Ein Lächeln huschte über das Gesicht der beiden Menschen, die zufällig nebeneinander in der Bar saßen und sich nun vorsichtig zu mustern begannen.

   Er schätzte sie auf etwas über zwanzig. Ihm gefiel ihr hübsches, eher schmales Gesicht mit der ausgeprägten Nase, die ihr etwas interessantes gab. Auch ihre übergroßen, braunen Augen mit den markanten für eine Frau eher fast  buschigen Brauen hatten für ihn etwas Anziehendes. Die Langen, dunkelbraunen Haare hingen ihr bis über die Schulterblätter hinunter. Die Strähnen, die immer wieder ins Gesicht fielen, streifte die junge Frau elegant mit der Hand zurück. Sie grinste ihn an, offenbar, weil er sie musterte. Beide blieben stumm, aber prosteten sich mit den Gläsern zu, aus denen jedes hie und da einen kleinen Schluck trank. Obwohl sie eher klein zu sein schien, fiel ihm auf, dass das Mädchen lange Oberschenkel hatte, was ihm gefiel. Die Jeans brachten das besonders gut zur Geltung und die Stiefel rundeten das Bild ab. Ihre grossen Brüste zeichneten sich deutlich unter dem hellen Pullover ab.

   Nachdenklich schaute er wieder zu ihr hinüber, während ihm alle möglichen Gedanken durch den Kopf jagten: Warum war sie hier in der Altstadtbar ganz alleine? Was suchte sie hier? Es ist doch nicht etwa eine, die ihren Körper für Geld anbot? Nein das konnte nicht sein. Aber warum lächelte sie ihn so an, ihn, den siebzig Jahre alten Mann. Zwischendurch schaute die junge Frau in die Bar hinaus oder dem Barkeeper zu, aber dann lächelte sie ihn wieder an. Oder grinste sie ihn nur an?

   Fantasien um diese Fremde gaukelten vor seinem inneren Auge herum. Er stellte sie sich in einer Wohnung vor, wie sie darin herumhantierte. War die junge Frau ordnungsliebend oder eine kleine Schlampe? Wohnte sie mit einem Freund zusammen? Aber warum war sie dann ganz allein hier in diesem eher düsteren Ort?

   Jetzt trank das Mädchen den Rest ihres Drinks aus und bestellte beim Barmann einen neuen. Interessiert lauschte er dem Klang ihrer Stimme, die lieblich und etwas dunkel zugleich klang. Auch er trank aus und bestellte sich noch einen Drink. Wieder lächelte sie ihn und und prostete ihm zu. Irritiert hob er sein Glas und prostete zurück, während sich neue Fantasien vor ihm auftaten. Er stellte sich vor, wenn sie sich am Abend auszog. Zuerst die Pantoffel, die sie elegant in einem weiten Bogen in die nächste Ecke schleuderte. Dann zo sie den Pullover, einen solchen, wie sie ihn jetzt an hatte, über den Kopf, dann die Jeans, auch die schob sie mit einem Ruck von sich und schon stand das Mädchen vor seinen Augen nur noch im Büstenhalter und Strings da. So wie sie da saß, musste die junge Frau eine gute Figur haben. Er stellte sich nun vor, dass sie in einen Bademantel schlüpfte und ins Bad ging, wie sie in die Badewanne stieg. Im selben Moment schüttelte er über sich selber innerlich den den Kopf. Was war nur los mit ihm? Er war doch nur ein alter Mann, der seit dem Tod seiner Frau nun irgendwie dahin vegetierte. In solchen Bars wie hier suchte er zwar Ablenkung, aber eigentlich keine Abenteuer. Kramphaft versuchte er, sich von ihr abzulenken, indem er sich auf das Hantieren des Barmannes konzentrierte. Der junge, große und hübsche Mann mit den dunkeln, gewellten Haaren, dem braunen Gesicht machte mit geschickten, eleganten Händen die Drinks bereit und stellte sie den Gästen mit einem strahlenden Gesicht hin. "Warum lächelte sie nicht diesen flotten Mann an? Der würde zu ihr passen", dachte er verwundert für sich.

   Bei diesen Gedanken schaute er, wie wenn ihn ein Zwang dazu trieb, wieder sein Bar-Partnerin an. Schon war ihr Lächeln wieder da und verzauberte ihn erneut ...   

   Er hatte schon dort gesessen, als sie die Bar betrat. Ohne darüber nachzudenken, hatte sie sich neben ihn auf den Barstuhl gesetzt. Zuerst hatte sie den alten Mann gar nicht beachtet. Aber dann drehte er ihr den Kopf zu und sie fand sein rundes, eigentlich noch fast faltenloses Gesicht mit der Adlernase und den kleinen, aber lustigen Augen, die immer ein wenig nervös zwinkerten und einem mittelgroßen Mund, der fast ein bisschen zu grinsen schien, einfach sympathisch. Darum lächelte sie ihn auch sofort an. ohne darüber viel zu überlegen. Da der Mann zurücklächelte, aber nichts sagte, blieb auch sie stumm, prostete ihm aber zu, was er erwiderte.

   Er hatte etwas an sich, was sie anzog. Wie alt war er wohl? Den grauen, schon etwas schütteren Haaren mit den tiefen Koteletten nach zu urteilen, würde er vielleicht gegen siebzig zugehen. Aber da war das fast noch faltenlose Gesicht, das ihn jünger erscheinen ließ. Auch seine Figur war noch ansehnlich, kein Bierbauch, kein Hängebauch. Die Hände, ja, die waren faltig und man sah sogar einige Alterflecken. Warum war er wohl hier alleine in dieser Bar? Dem Ring nach zu schließen, den er am Ringfinger trug, schien der Mann verheiratet zu sein. Hatte ervielleicht eine Frau zu Hause, die ihm das Leben mit Nörgeleien und Meckereien zur Hölle machte, sodass er es dort nicht aushielt. Oder war ihm einfach nur langweilig und er suchte hier Abwechslung?

   Ihre Charakterstudie wurde unterbrochen, weil sich der Mann erhob und mit langsamen, leicht hinkenden Schritten zur Tür ging, hinter der die Toiletten waren. Bevor sich die Tür hinter ihm schloss, wandte er sich ihr kurz zu und schickte ihr ein Lächeln. Nachdenklich schaute die Frau ihm hinterher, in sich ein Gemisch aus einem merkwürdigen Gefühl des Schmeichelns, der Genugtung, aber auch wieder der Neugier.

   Ein Knistern flackerte in ihr auf und ihre Gedanken bewegten sich auf neuen Bahnen. Ältere Männer, dachte sie, sind doch meistens nicht mehr in der Lage, eine Frau glücklich zu machen. Aber auf der anderen Seite haben sie Erfahrung und vor allem Geduld, nicht wie die jungen Wilden, die nur an sich selber denken, das hatte sie genug erlebt. Stopp. stopp, ermahnte sie sich. Schließlich war sie nur in die Bar gegangen, um für eine Werbekampagne als Werbetexterin neue Ideen zu bekommen. Du bist nicht für solches da. Du hast einen Freund und willst keine Abenteuer. Trotzdem spürte sie in sich wieder dieses Krippeln, als der Mann zurückkam und sich mit einem Lächeln wieder neben sie setzte. Ohne darüber nachzudenken, drehte sie sich wie im Zwang wiederum ihm zu. Dabei versuchte sie zwar, das Lächeln zu unterdrücken, was ihr aber trotzdem nicht ganz gelang.

   Sie sah, wie er den Geldbeutel aus der Hosentasche hervorklaubte. Nach dem Bezahlen schien es ihr so, als ob er warten wollte, ob die Frau auch bezahlte. Und tatsächlich, auch sie winkte fast hektisch dem Barmann mit einem Geldschein zu. Zögerlich blieb er beim Ausgang stehen, um zu sehen, ob die Frau nachkam. So verließen beide gleichzeitig die Bar. Charmant lächelnd ließ er ihr an der Tür den Vortritt. Draußen blieben beide auf dem Trottoir stehen und schauten sich unschlüssig und fragend an. Nach einer Weile entfernten sie sie sich ohne ein weiteres Wort voneinander, jedes in eine andere Richtung.

   Doch wie auf Kommando blieben beide plötzlich stehen und schauten zum anderen zurück. Dann gingen beide mit einem Lächeln aufeinander zu ...

                                                          

Betrachtung.

Ok ... Ok ...

Ich sitze im Restaurant und warte auf meine Frau, die im nahen Kleidergeschäft Einkäufe macht, und trinke einen Kaffee und esse dazu - obschon ich wegen meinem Blutzucker nicht sollte - ein Stück Schwarzwäldertorte. Aber das nur nebenbei. Neben mir setzen sich eine jüngere Frau und ein ebensolcher Mann an einen Tisch. Da ich ein neugieriger Mensch bin, höre ich mit halbem Ohr, - oder sind es wohl beide - zu. Offenbar haben die Beiden eine geschäftliche Besprechung, denn sie sprechen von Zahlen. Immer wieder fällt die Zahl von 75 %. Aber was es mit den Prozenten für ein Bewandtnis hat, verstehe ich natürlich nicht. Das geht mich ja nichts an und ich sollte mich eher auf die Zeitung konzentrieren. aber was mich plötzlich aufregt ist, dass die Frau jeden Satz mit einem breiten, stark betonten "OKEY" quittiert. Es scheint mir plötzlich, als würde das ganze Gespräch nur noch aus "Okey ... Okey ..." bestehen. Ich freue mich, als meine Frau erscheint und aufbrechen will. "Okey" sagen ich, "gehen wir." Vor Ärger hätte ich mir fast die Zunge herausgebissen, dass mir ich jetzt dieses englische Wort - anstatt "ja es isch guet" - auch schon über die Lippen kam. Verärgert schaute ich beim Gehen auf die Frau zurück und es schien mir, als käme gerade wieder dieses Wort aus ihrem Mund heraus.

Im Ernst, um was geht es mir hier: Ich finde die englische Sprache schön und bedaure es, dass ich sie nicht besser beherrsche. Aber muss man deswegen unsere schöne deutsche Sprache fast ein wenig verhunzen? Ein "gut, gut" ist doch auch schön, oder statt ein "brain.training" - wie ich da vor mir in einer Zeitung sehe - eine "Gehirnübung", ist auch nicht schlecht, oder? Hoffentlich fängt man nicht plötzlich so mit dem Chinesischen an, denn das soll ja die kommende Sprache sein. 

                                                                   

 Kurt Blaser

Peinliche Gespräche.

Kurzgeschichte

Diese Kurzgeschichte wurde in die Antholgie "Frauen sind ... wunderbar!" von der Herausgeberin, Monika Clemens, aufgenommen. Leider musste dieses Buch wegen einer Verwechslung aus dem Verkauf zurückgezogen werden. Daher veröffentliche ich die Geschichte, mit Anhang, hier.

 "Ja, das glaube ich nicht! Du Gabriele! Jahre haben wir uns nicht mehr gesehen und jetzt hier im Supermarkt!" Die Frau verschluckte sich fast. "Aber schön, sehr schön, dass ich dich einmal wieder sehe. Das freut mich, das freut mich wirklich! Was machst du, und wie geht es dir?" Anna umarmte ihre ehemalige Schulkollegin Gabriele innigst.

   "Danke, Anna, es geht mir recht gut, und ich freue mich auch, dich wieder einmal zu sehen." Gabriele, die sehr schlank und mittelgroß war, hatte ein hübsches Gesicht. Ihre Haare waren an den Schläfen leicht angegraut. Sie schien etwas zurückhaltender zu sein als die eher korpulente und kleine Anna, deren rundliches Gesicht etwas rot aufgedunsen war, was auf einen erhöhten Blutdruck hinzuweisen schien und deren Haare sicher grau, aber - und das sah man deutlich an den Ansätzen - gefärbt waren. "Das freut mich riesig, dass wir uns wieder einmal getroffen haben, das kannst du mir glauben, Gabriele, ehrlich." Überschwänglich kamen diese Worte aus dem etwas großen Mund von Anna. "Warum haben wir eigentlich den Kontakt verloren?  Ich habe immer wieder an dich gedacht. wo du seiest und wie es dir geht. Aber wie es so geschieht im Leben, man sollte etwas tun und tut es eben doch nicht. Man hat ja immer seine Verpflichtungen, ja das hat man, gell, Alfons," Sie schaute auf den ebenfalls kleinen und korpulenten Mann, der gelangweilt daneben stand und dem an seiner Miene anzusehen war, das er lieber weiter wollte.. "Das ist übrigens, Alfons, mein Mann noch immer mein Mann und das seit Jahren." Der Mann nickte kurz mit dem Kopf. Du weißt ja, heute ist es nicht mehr in Mode", fuhr Anna fort "immer beim gleichen Mann zu bleiben. Aber wir haben es geschafft, gell, Alfons." Sie klopfte dem Mann mit der Hand auf den Rücken. Das schien dem aber unangenehm zu sein, denn er ging sofort etwas auf die Seite. "Ich nehme an, das ist dein Mann, oder?" Sie schaute auf den groß gewachsenen, hübschen Mann, mit den schön gewellten, dunkelbraunen Haaren, der neben Gabriele stand.

   Dieser stellte sich mit einem sympathischen Lächeln und sonorer Stimme vor: "Müller, Kurt Müller, es freut mich, eine ehemalige Schulkollegin von Gabrielle, nehme ich an, kennenzulernen." Er reichte zuerst Anna und dann ihrem Mann die weiche Hand, die auf einen Büromenschen hinzuweisen schien. 

   "Übrigens, Kurt ist nicht mein Mann, sondern mein jetziger Freund und Lebenspartner. Ich bin seit einigen Jahren geschieden und lebe mit ihm zusammen. Du siehst Anna, ich habe es nicht so weit gebracht wie du", sagte Gabriele etwas gequält lachend, wobei sie aber zärtlich Kurt ansah. 

   "Ah, so, geschieden, so so!", sagte Anna, wobei diese Worte eher überheblich tönten. "Ja, so ist es eben im Leben, die einen haben Glück und die anderen Pech, gell, Alfons." Sie täschelte ihm wieder den Rücken. Der Mann reagierte kaum, sondern schaute desinteressiert einer Verkäuferin zu, die Brot in ein Gestell einfüllte. "Was arbeitet er den, dein Freund ... eh, Lebenspartner, sagt man ja heute, nicht wahr?", fragte Anna und lachte dabei schallend und laut, so dass ihr  Mann sie vorwurfsvoll und missbiligend anschaute. Voller Neugierde, die man ihrem Gesichtsausdruck ansah, schaute sie ihr Gegenüber an.

   "Er ist Schriftsteller, schreibt Bücher", antwortete Gabriele.

   "Schriftsteller, ja kann man davon Leben?" tat Anna erstaunt.

   "Er kann, er ist recht erfolgreich mit seinen Büchern. Aber weißt , Anna, ich bin nicht auf ihn angewiesen, ich verdiene selber recht gut. Meine zwei Kinder sind erwachsen und brauchen mich nicht mehr."

   "So, du verdienst gut." Anna machte eine Pause und schob etwas nervös ihren halb vollen Einkaufswagen hin und zurück, als müsste sie das Gehörte zuerst verdauen. "Was arbeitest du denn, als Putzfrau oder so was?"

   "Nein, ich bin seit kurzem Sekretärin in einem großen Immobilien-Geschäft, und das macht erst noch Spaß. Wir sind erst seit einiger Zeit hier, darum haben wir uns wahrscheinlich nie getroffen."

   "Sekretärin, ja, aber mit Verlaub, nimm mir das nicht übel, Gabriele, eigentlich warst du doch, wenn ich mich recht erinnere, in der Schule nicht so gut, oder? Ja, du kamst gerade so mit, oder? Im Gegensatz zu mir bliebst du in der Primarschule, oder? Ja, das nur  so nebenbei, ich will dir nicht zu nahe treten." Diese Worte klangen spitz und richtig überheblich.

   "Ah, das weißt du noch, dass ich in der Schule nicht gerade eine Kirchenlicht war. Aber du siehst, der Mensch kann sich auch weiterentwickeln. Ich habe mich weitergebildet, Handelsschulen besucht."

   "Ja, da kann man dir nur gratulieren." Die Frau räusperte sich. 

   "Ja, und du, was hast du gemacht, sicher eine höhere Ausbildung, neme ich an? Du warst ja immer eine der besten in der Schule." Neugierig schaute Gabriele Anna an.

   "Ja, ich wollte eigentlich an die Uni. Aber dann habe ich meinen Alfons kennengelernt. Wir haben dann schnell geheiratet - aber nicht, was du vielleicht denkst, wir mussten nicht etwa." Sie lachte wieder laut hinaus, so dass sogar einige Leute, die am Einkaufen waren, herbei schauten. "Gell, Alfons ... Dabei schlug sie dem Mann wieder auf den Rücken, so dass der zusammenzuckte und die Hand abwehrend gegen seine Frau erhob. "Aber Alfons wollte dann nicht mehr, dass ich arbeite, er wollte eine gute Hausfrau haben, die sich um ihn und seine Kinder kümmert. Leider bekamen wir dann keine. Alfons gab mir die Schuld, aber ich glaube es war seine, aber er kann ja nichts dafür, gell Alfons." Sie wollte ihm offenbar wieder den Rücken tätscheln, aber dieser hatte sich wohl ahnend, dass wieder etwas käme, auf die andere Seite des Wagens verzogen. Offenbar war es ihm peinlich, dass seine Frau so Privates ausplauderte. "Heute denke ich manchmal, ich hätte die Uni machen machen sollen. Es hätte meinem Leben vielleicht eine andere Perspektive gegeben", fuhr die Frau fort und fügte bei: "Aber was soll's, wir sind ja auch so glücklich, gell Alfons." Da ihr Mann nicht mehr neben ihr stand, stieß sie ihn leicht mit dem Einkaufswagen an.

   "Komm Anna, wir sollten gehen. Du weißt, ich habe nach dem Mittag noch eine geschäftliche Besprechung. Es war nett, euch kennenzulernen, aber wir sollten wirklich gehen", sagte er zu den beiden gewandt.

   "Ja, ja, ich weiß, Alfons, aber was sollen die zwei denken, wenn du so drängst, schließlich freue ich mich riesig, dass ich Gabriele getroffen habe", sagte sie spitz. "Ja, das ist halt, wenn man ein gut gehendes Geschäft hat, da ist immer etwas los, gell, Alfons."

   "Ja wir sollten auch, ich muss morgen wieder arbeiten gehen. Heute habe ich frei, und da sollte ich zu Hause doch noch einiges erledigen", sagte Gabriele. "Es hat mich auch gefreut, dich gesehen und deinen Mann kennengelern zu haben. Vielleicht ein andermal." Sie streckte Anna die Hand hin. aber diese stürmte auf die Frau zu, umarmte sie und küsste sie auf die Backen. Dann gab Anna ebenfalls Kurt die Hand und sagte, dass es sie gefreut habe, auch ihn kennengelernt zu haben. Auch Alfons gab den beiden die Hand.

   Schon fast im Gehen rief Anna zurück: "Melde dich mal, Gabriele, die Telefonnummer findest du im Verzeichnis unter 'Blebiwil', oder im Internet bei 'weisse Seiten', also melde dich!"

   "Mach ich, mach ich", rief Gabriele, auch schon im Gehen, zurück.

   "Dumme Pute, das. Ausgerechnet an die muss ich heranlaufen ... Komm Alfons, wir wollen noch zum Früchte- und Genüsestand." Energisch stieß Anna den Wagen in Richtung dieses Standes. "Ja, aber du bist doch direkt auf die beiden zugesteuert und hast ein Riesen-Theater gemacht. Und jetzt sprichst du so. Das verstehe ich nicht ganz. Aber das passt ja zu dir", bemerkte dieser spitz.

   "Du sei nicht frech! Ich habe halt geglaubt, sie hätten uns gesehen. Aber auch sie kam auf mich zu, die Schleimerin ... Sekretärin, Sekretärin, die hat sicher gelogen. In der Schule war sie eine der Schlechtesten. Sie schlich lieber den Buben nach. Ich habe sie sogar ein paar Mal gesehen, wie sie mit diesen herumgeschmust hat." Sie nahm einen Salat aus einem Gestell und begutachtete ihn und legte ihn wieder mit den Worten zurück: " Eine Frechheit, was für verschlamte Ware die einem andrehen wollen. Was ich noch sagen wollte, Alfons ... wo bist du?" Sie schaute sich um und sah, das dieser Pflaumen begutachtete. Sie ging hin und sagte: "Pass auf und lies gut aus, die Wre ist schlecht. Und übrigens, was ich noch wegen Gabriele sagen will: Es verwundert mich nicht, dass sie geschieden ist. Schon wegen diesem Elternhauses: Der Vater gewöhnlicher Arbeiter, und das wenige Geld versoff er lieber. Und die Mutter, da gab es auch einige Gerüchte ... Hoffentlich meldet sie sich nicht, aber wenn, habe ich dann schon Ausreden."

  "Und wenn sie sich meldet, heuchelst du wieder herum, wie du es vorhin auch getan hast ... Übrigens, ich fand die beiden ganz nett, und sie scheint es zu etwas gebracht zu haben. Und wenn jemand aus armen Haus kommt, können sie ja nichts dafür, wie du auch nichts dafür kannst, dass deine Eltern reich waren." Die Stimme des Mannes ertönte schrill.

   Anna schob erregt den Einkaufswagen hin und her. "Alfons, werd nicht frech. Ich weiß, dass du immer gegen mich Partei ergreifts, das ist nichts Neues." Der Kopf der Frau, der schon sonst ziemlich rötlich war, war noch röter. Ärgerlich schmiss sie einen Blumenkohl in den Einkaufswagen und sagte mit trotziger Stimme: "Also, wir gehen."

   Trotzig schob sie den Wagen, ohne zu schauen, ob ihr Mann nach kam, der Kasse zu.

 

"Eine eher unsympathische Person scheint mir diese Anna zu sein. Offenbar hattest du nicht unbedingt Freude, sie zu sehen, schien es mir?", sagte der Freund von Gabriele im Weitergehen.

   "Ja, wie soll ich sagen? Irgendwie freut man sich schon, wenn man jemanden aus der Jugendzeit sieht. Aber trotzdem, meine Freundin war sie nicht. sie gab mir immer wieder zu verstehen, dss ich nur ein Arbeiterkind war, das in der Schule nicht so gut war. Aber auch bei all den anderen war sie wegen ihres fast arrogant zu nennendens Auftretens nicht so beliebt." Gabriele blieb mit dem Einkaufswagen nachdenklich stehen.

   "Aber das war  schon eine Frechheit. die Bemerkung wegen der Schule, da hätte ich anders reagiert als du", sagte Kurt.

   "Ach was soll's: Ich wollte ja nicht das Zusammentreffen vermiesen. Sie kann vielleicht nicht anders. Es gibt Menschen, die können nicht aus ihrer Haut heraus und sind darüber selber unglücklich. Vielleicht melde ich mich trotzdem bei ihr, dann kann ich möglicherweise mehr erfahren."

   "Ja es ist ja schon gut, tolerant zu sein, das probiere ich ja auch. Aber Toleranz kann auch zu weit gehen ... Nun, das musst du selber wissen, du bist ja eine selbstständige Frau." Dabei strich der Mann Gabriele liebevoll über eine Hand. "Es scheint mir auch, dass der Mann nicht unbedingt glücklich ist neben dieser Frau. So, wie sie auftritt, scheint er eher eine Nebenrolle zu spielen", fügte er bei. 

   "Es kann schon sein. Es ging das Gerücht um, dass er sie nur genommen habe, weil er in das Malergeschäft - er hatte diesen Beruf glernt - ihrer Eltern einsteigen wollte. Ein anderes Gerücht besagte, er hätte sie längst verlassen, aber es nicht kann, weil er von ihr abhängig ist. Aber eben, Gerüchte sind Gerüchte und meistens nur halb wahr, weil beim Weitersagen Dinge dazukommen oder weggelassen werden, je nachdem, wie du zur Person oder zur Sache stehst."

   "Aber Schatz, du wirst ja direkt philosophisch", lachte der Freund und fügte bei: "Aber komm, wir wollen gehen, komm!" mit diesen Worten fing er an, am Wagen zu schieben.

   "Ja, du hast recht, sonst stehen wir noch am Abend da und diskutieren über diese Begegnung ... Wir haben alles und können zur Kasse."

   Als Gabriele und Kurt schon durch den Ausgang gegangen waren, hörten sie plötzlich, dass ihnen Anna aus dem Supermarkt mit lauter Stimme nachrief: "Hallo, ihr beiden, hallo, Gabriele, es hat mich gefreut, dich und deinen Lebenspartner, aber vor allem dich, Gabriele, gesehen zu haben, ja,das hat es mich! Also, melde dich!" Ihre Stimme überschlug sich fast, und sie winkte mit beiden Händen.

   Überrascht schauten Gabriele und ihr Freund zurück und winkten auch kurz. Dann gingen sie eilig, sehr eilig, als wollten sie vor etwaas fliehen, dem Parkplatz zu. Sie hatten offenbar das "Wartet, wir kommen auch", von der Frau nicht mehr gehört. "Dann geh halt, das ist mir sogar recht", zischte sie. Ihr Mann schüttelte nur den Kopf und zog den Einkaufswagen samt Frau dem Ausgang zu.

Die Herausgeberin hat in diesem Frauenbuch zu jedem Beitrag eine Huldigung an die Frauen gewünscht. Ich habe zu meiner Geschichte das Folgende geschrieben:

"Ich bin seit einundfünfzig Jahren mit der gleichen Frau zusammen. Was haben wir gestritten, geliebt und gelacht. Rätselhaft ist sie geblieben, manchmal listig und schlau. Auch das ist eben Frau, vom Schöpfer so und nicht anders gemacht. Sie macht mir noch immer Schmetterlinge im Bauch so, wie es eben Frauen tun. Ihr tollen Frauen tut es doch  weiter so mit uns Männern. Dann können wirzusammen weiter weinen, lieben und lachen".. 

 

Kurt Blaser

Der kleine Tannenbaum

Ein Weihnachtsmärchen

 

„Dieses Jahr kaufen wir nur einen ganz kleinen Tannenbaum. Die Großkinder sind jetzt größer und bemerken kaum noch, ob ein Baum da ist oder nicht. Dann hat man auch weniger Arbeit, meinst du nicht auch?“ sagte die Großmutter zum Großvater, als die beiden vor Weihnachten beim Einkaufen waren.

    „Ich bin voll damit einverstanden. Ich habe dann weniger Arbeit mit dem Schmücken“, erwiderte der.

    Bei den Weihnachtsbäumen im Supermarkt fanden sie ein kaum fünfzig Zentimeter großes Rottännchen, das etwas abseits in einer Ecke, angeschrieben mit „Spezialpreis, herabgesetzt“, stand. Trotz diesem Hinweis fanden die beiden das Bäumchen herzig und schlossen es sofort in ihr Herz. „Von der Grösse her, gerade das Richtige“, meinte Großmutter „und viel Geld haben wir auch nicht ausgegeben.“

    Großvater schmückte das Tännchen, trotz seiner Kleinheit, besonders schön und mit viel Liebe. Er sprach sogar mit ihm und dankte ihm, dass es so schön geworden sei. „Ich weiss“, sagte er, „wahrscheinlich wärst Du lieber im Wald, mit einer Schneekappe auf den Ästen, und Hase und Reh würden am Weihnachtsabend an deinen Nadeln knappern. Aber nun machst Du uns Freude und das ist doch auch etwas, oder?“ Großvater schien es, als würde das Bäumchen mit der Spitze nicken und er lächelte vor sich hin.

    Am Weihnachtabend, als die Großkinder mit ihren Eltern eintrafen, lachten sie sich fast krumm über den kleinen Weihnachtsbaum. Sie foppten herum und ließen keinen guten Faden an ihm. Großmutter und Großvater wiesen sie zu Recht mit dem Hinweis, dass sie sich doch sonst kaum mehr für den Baum interessiert hätten. Aber es nützte nicht viel: Den ganzen Abend, sogar während der Feier, wurde das kleine Bäumchen von den Kindern ausgelacht. Großvater hatte bedauern mit dem, doch nach seiner Meinung, so herzigen Tännchen. Es schien ihm als würde dieses noch kleiner und noch kleiner, als es schon war. Und als von den Kerzen Wachs heruntertropfte, schien es ihm, als wären es Tränen. Zum Glück waren die Großkinder dann mit ihren Geschenken beschäftigt und beachteten das Bäumchen kaum mehr. Einzig als man zu Bett gehen wollte und Großmutter die fast heruntergebrannten Kerzen löschte, tanzten die Kinder noch einmal um das Tännchen herum und sangen zu der Melodie „Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum“ folgende Worte: „Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, du bist ja so ein kleiner ... ein kleiner …“ Großvater tadelte die Kinder und sagte, er finde das Bäumchen schön und am liebsten würde er es für immer behalten.

 

    Als es dunkel und ruhig geworden war, weinte das kleine Bäumchen bitterlich. Es wollte doch Freude bringen und nicht ausgelacht werden. Was konnte es dafür, dass es noch so klein war. Es sehnte sich nach seinem Plätzchen im Wald zurück. Hätte man es dort gelassen wäre es dann schon groß und stark geworden. Die Äste hingen ihm vor Trauer herunter und waren ganz nass von den herunter fließenden Tränen.

    Da, auf einmal schien von draußen ein heller Schimmer in das Zimmer. Plötzlich stand das Christkind in seiner ganzen Schönheit da und lächelte das weinende Bäumchen voller Güte an. „Was hast du denn, du kleines Weihnachtsbäumchen?“ fragte es mit einer feinen, liebevollen Stimme, aus der das Mitleid herauszuhören war.

    Das Tannenbäumchen klagte dem Christkind sein Leid. Es sei klein, aber da könne es ja nichts dafür. „Ich habe mir soviel Mühe gegeben um zu strahlen und mich im besten Licht zu geben. Trotzdem haben mich die Kinder nur ausgelacht. Darum bin ich traurig und sehne mich nach meinem Plätzchen im Wald. Wenn die Kinder auch Freude an mir gehabt hätten, hätte es mir nichts ausgemacht, nach dem Fest verbrannt zu werden. Aber jetzt, macht es mich traurig, unendlich traurig ..."“ Das Bäumchen schnupfte vor sich hin.

    „So, so die bösen Kinder, so, so ...“ sagte das Christkind fast ein wenig zornig. „Müssen wir denen die Geschenke wieder wegnehmen. Das wird ihnen wohl am meisten wehtun ... Oder was machen wir da am besten ...?“ Das Christkind überlegte und auf seiner sonst so glatten Stirn zeigte sich eine feine Falte. „Ich hab’s ...“ sagte es plötzlich und lächelte. „Ich werde Dich über Nacht wachsen lassen. Am Morgen werden die Kinder voller Hochachtung staunen. Ich hoffe auch, es wird ihnen eine Lehre für das ganze Leben sein, dass man nicht auf den Kleinen herumtrappeln soll. Sollte das nicht der Fall sein, werden sie zur Strafe keine Freude an ihren Geschenken haben, das werde ich machen, ja das werde ich ...“ Das Christkind stapfte mit seinen kleinen Füssen auf den Boden.

    „Ich danke dir liebes Christkind. Aber bitte, sei trotzdem nicht allzu hart. Es sind ja Kinder, die auchnoch wachsen und lernen müssen. Mir genügt es, wenn ich bis am Morgen größer werde, das genügt mir“, sagte das Tännchen und schüttelte die Tränen von den Ästen.

    „Gut, aber weil du so gelitten hast, werde ich dich, wenn du als Weihnachtsbaum ausgedient hast, wieder an deinen Platz in den Wald versetzen, wo du wachsen kannst und eine grosse, starke Tanne wirst.“ Das Christkind sagte diese Worte wieder voller Güte.

    „Danke, danke Christkind, das ist wundervoll“, sagte das Bäumchen gerührt und schon war das Christkind verschwunden. Das Bäumchen spürte auf einmal wie Kraft und Saft durch seinen Stamm floss und es streckte und schüttelte sich. Seine Äste wurden länger und die Spitze ging in die Höhe. Das Engelshaar, das auf allen Seiten von oben nach unten hing, wurde straff und zerriss fast.

 

    Am Morgen kamen die Großkinder aufgeregt ins Schlafzimmer der Grosseltern, die noch im Bett lagen. „Das kleine Weihnachtsbäumchen ist groß geworden“, riefen sie alle voller Aufregung.

    Großmutter meinte, aus einem kleinen Bäumchen könne wohl kaum ein Grosses geworden sein. Großvater lächelte und ging in das Wohnzimmer und tatsächlich: Da stand ein stattlicher, festlich geschmückter Baum und es schien Großvater, als würde dieser ein Gesicht bekommen und ihn anlächeln. „Oh, ist der schön, ein Wunder ist geschehen“, riefen die Kinder.

    Großvater sagte mit erster Stimme: „Gestern Abend habt ihr ihn noch ausgelacht und jetzt staunt ihr. Merkt euch, auch aus etwas Kleinem kann etwas Grosses werden. Darum ehret auch das Unscheinbare.“

    Die Kinder wurden ob diesen Worten ganz still und schauten nur noch voller Staunen auf den groß gewordenen, festlich geschmückten Weihnachtsbaum.

   

    Einige Tage später lief Großvater mit den Kindern im verschneiten Wald herum. „Dieses Tännchen da sieht ja gerade so aus, wie das kleine Weihnachtsbäumchen an Weihnachten bei euch, sieh Großvater!“ rief eines der Kinder und zeigte in eine Lichtung. Großvater ging näher heran und er sah kleine Schneekörnchen auf den Ästen, die wie Silbersplitter von Weihnachtsschmuck leuchteten. Liebevoll schaute er das Tännchen an und sagte lächelnd: „Ja, ja das könnte es sein. Ich bin fast sicher. Es ist eben doch so: Wunder gibt es immer wieder ...“